Das Epische Theater im "Galilei"
"Leben des Galilei" ist kein klassisches Drama (wie Aristoteles es definierte), sondern ein Episches Theaterstück. Brecht will den Zuschauer nicht emotional fesseln ("Glotzen"), sondern zum Mitdenken anregen.
Die Verfremdungseffekte (V-Effekte)
Der Zuschauer soll Distanz wahren. Er soll nicht denken: "Oh, wie traurig!", sondern: "Warum passiert das? Wie könnte man es ändern?"
1. Historisierung
Brecht wählt einen historischen Stoff (17. Jahrhundert), um Probleme seiner eigenen Zeit (20. Jahrhundert, Atombombe, Diktatur) zu spiegeln. Durch den zeitlichen Abstand ("Historisierung") erkennt der Zuschauer die Parallelen, ohne direkt emotional involviert zu sein.
2. Sprüche und Songs
Jedes Bild beginnt mit einem kleinen Gedicht/Spruch ("Im Jahre sechzehnhundertneun / Sah man des Wissens Licht zu Padua schein"). Dies nimmt die Handlung vorweg. Die Spannung liegt nicht auf dem "Was passiert?", sondern auf dem "Wie passiert es?".
3. Der Anti-Held
Galilei ist keine Identifikationsfigur. Er ist feige, opportunistisch und körperlich unästhetisch (er wäscht sich auf der Bühne, isst gierig). Diese Darstellung verhindert Mitleid und fordert ein kritisches Urteil.
Unterschied zum klassischen Theater
| Dramatisches Theater | Episches Theater (Brecht) |
|---|---|
| Handlung (Plot) | Erzählung |
| Verwickelt den Zuschauer in eine Aktion | Macht den Zuschauer zum Betrachter |
| Gefühl (Katharsis) | Verstand (Ratio) |
| Der Mensch ist unveränderlich | Der Mensch ist veränderlich und verändernd |